Prostatakrebs Selbsthilfegruppe Schwerin

Methadon in der Krebstherapie

Der Drogenersatz Methadon verstärkt die Wirkung der Chemo. Seit ein TV-
Bericht diese Behauptung aufstellte und mit Erfolgsgeschichten belegte, wollen
Krebspatienten den Stoff. Und vermuten eine Verschwörung, wenn Ärzte ihn
wegen fehlender Beweise verweigern.
Methadon ist bekannt als Drogensubstitution, um Abhängigen den Weg aus der
Sucht zu erleichtern oder sie wenigstens von der Heroinnadel fern zu halten.
Doch seit einiger Zeit ist die Substanz als Hilfsmittel in der Krebstherapie in aller
Munde. Es ist ein regelrechter Streit zwischen Patienten und Ärzten
ausgebrochen.
Onkologen verweisen auf eine sehr dünne Studienlage, warnen vor verfrühten
Hoffnungen und Nebenwirkungen. Und raten vom Methadon-Einsatz in der
Tumortherapie ab. Das wollen viele verzweifelten Patienten nicht hören und
wenden sich an Ärzte, die Methadon verschreiben. Das geht nicht immer gut, wie
Mediziner jetzt im „Deutschen Ärzteblatt“ dokumentiert haben.
Der Ansturm auf Methadon begann vor Monaten mit TV-Berichten über die
Chemikerin Claudia Friesen vom Institut für Rechtsmedizin der Uni Ulm. Sie hatte
Methadon in Zellkulturen und Tierversuchen getestet und brachte es als
möglichen Wirkverstärker für Chemotherapien ins Gespräch.
Ihre Versuche entsprechen einer sehr frühen, von der Öffentlichkeit meist
unbemerkten Phase der Forschung, die keine Aussagekraft zur Wirksamkeit beim
Menschen hat. Forscher weltweit suchen nach Wirkstoffen gegen Krebs – selbst
das Zika-Virus ist dabei aktuell im Gespräch. Ob sich all die Ideen am Ende als
Therapie bewähren, steht auf einem anderen Blatt. Große, systematisch
angelegte Studien müssen die Wirksamkeit eines Medikaments beweisen.
Blockiert die Pharma-Industrie die Methadon-Forschung?
Doch die klassischen Regeln der Wissenschaft spielen in der Debatte um
Methadon nur noch am Rande eine Rolle. Vielmehr steht die Behauptung im
Raum, dass der vergleichsweise niedrige Preis von Methadon der weiteren
Erforschung im Weg stehe. Individuelle Erfolgsgeschichten verstärken die
Hoffnung in ein Mittel, das bei Krebs bisher allenfalls gegen Schmerzen in der
Palliativmedizin angewendet wurde.
Patienten dosieren Methadon eigenmächtig – und oft falsch

Ärzte berichten von einem regelrechten Methadon-Hype: Sie würden mit
Anfragen zu Methadon überrannt und fühlen sich unter Druck gesetzt, das Mittel
in der Tumortherapie einzusetzen. „Wir sehen mit Schrecken, was hier passiert“,
sagt der Palliativmediziner Sven Gottschling vom Universitätsklinikum
Homburg/Saar. In seiner Klinik hätten schon mehrere schwierige Fälle
mit Überdosen behandelt werden müssen. Ein Patient habe seinen Hausarzt zur
Verschreibung überredet und Dosierungsempfehlungen auf eigene Faust aus dem
Internet geholt. Der Arzt hat zudem beobachtet, dass manche Patienten
inzwischen Methadon selbst für ein Krebsmittel hielten und ihre bisherige
Therapie aufgäben – eine möglicherweise tödliche Entscheidung.

Claudia Friesen betont, das Mittel lediglich als Wirkverstärker der Chemotherapie
ins Gespräch gebracht zu haben. Sie vermittelt bei Anfragen an ein Netzwerk von
Ärzten, die Methadon als Schmerzmittel einsetzten, wie sie erklärt. Zu den
problematischen Verläufen erklärt sie, dies zeige Wissenslücken bei Ärzten. Den
Vorwurf, falsche Hoffnungen geweckt zu haben, weist sie zurück. Von
Versprechen auf Heilung habe sie sich stets distanziert.
Studie will ab 2018 Methadon-Wirkung untersuchen
Eine wissenschaftlich solide Studie ist in Planung: Wolfgang Wick vom Deutschen
Krebsforschungszentrum in Heidelberg will die Auswirkungen von Methadon in
Ergänzung zur Chemotherapie auf das Tumorwachstum bei Patienten mit
Hirntumoren untersuchen. „Wir wollen prüfen, ob man im Menschen die nötigen
Wirkspiegel erreichen kann, ob das verträglich und dann auch effektiv gegen
den Tumor ist“, sagt der Neuroonkologe. Mit einem Start sei frühestens Mitte
2018 zu rechnen.
Und was machen die Patienten und ihre Angehörigen inzwischen? Aussagen von
Ärzten nach zu urteilen, haben sich Misstrauen und Verunsicherung
breitgemacht. Mediziner Sven Gottschling sucht einen Mittelweg zwischen
verhärteten Fronten. Sprechstunden zum Thema Methadon mit Beratungen zur
Frage, ob es als Schmerzmittel und „letzter Anker“ in Frage komme, seien
geplant.